Denken und urteilen

Die Menschen unter der Herrschaft ihrer Psyche denken nicht, wenn sie sagen, dass sie „denken“, und ihr könnt das schon daran erkennen, mit wie wenig denkerischer Arbeit sie windesaus zum Ergebnis ihres Denkens kommen. Die Menschen überprüfen kurz, ob ihnen etwas gefällt oder ob ihnen etwas nicht gefällt, und legen sich dann einen Gedanken zurecht, der dieses Gefühl stützt, ohne dabei das Gefühl zu nennen. Für den Schauesten halten sie den, der dabei am stärksten von seinem Gefühle abzulenken weiß und deshalb am sachlichsten wirkt. Auf dieser Grundlage treffen sie ihre Urteile über alles, was ihnen begegnet, und der größte Lügner ist der beste Richter.

Ihr könnt die Menschen unter der Herrschaft ihrer Psyche nicht mit euren Worten zum denken bringen — obwohl doch den Menschen die Sprache gegeben ist, um ihre Gedanken nicht immerfort im Kopfe kreisen zu lassen, sondern um sie auszudrücken und im Austausch der Gedanken zur gedankenvollen und damit verantwortlichen Tat werden zu lassen. Die Menschen unter der Herrschaft ihrer Psyche hören eure Worte, und sie bilden sich ihr Urteil nach dem Gefühl, dass vom Mitgeteilten ausgelöst wird. Die Wahrheit schmeichelt nicht der Psyche, die sich für unsterblich schön wie Luzifer hält, und deshalb wird sie auf jedem nur vorstellbarem Weg verworfen. Das Verwerfen eurer Worte erfolgt in drei Stufen. Zunächst halten sie dich für einen Spinner oder gar einen gefährlichen Irren, den sie besser meiden sollten, es gibt ja angenehmeres für die Psyche zu erleben. Wer dann noch mit dir redet, obwohl er dich für einen Spinner hält, ist aber immer dem Gespräch zugänglich, und während du dich mit ihm austauscht, kann er feststellen, dass nicht ein Spinner spricht, und er kann vieles anhand der Fakten überprüfen und sogar feststellen, dass es stimmt. Der nächste Schritt, nachdem die Abwertung deiner Person nicht mehr funktioniert, weil du von Dingen sprichst, die über deine Person hinausgehen, ist, dass er eine Abwehr der Bauweise „Das hört sich in der Theorie ja gut und schlüssig an“ aufzubauen, dass er dem Mitgeteilten also die Bedeutung in der Praxis abspricht und daraus ableitet, dass sie deshalb falsch sein müssen. In einigen wenigen Fällen wird sogar das überwunden, und dann kommt es zur nächsten Zelebration des psychischen Selbstbetruges: Der Mensch nimmt die Gedanken auf, entwickelt sie sogar weiter und kann sogar sehr kluge Schlussfolgerungen durch eigene beobachtende und gedankliche Tätigkeit daraus ziehen, aber unter der Idee: „Das ist ja sehr interessant und auch faszinierend, aber es hat ja nichts mit meinem Leben zu tun und ist damit eine unwichtige intellektuelle Spielerei“. Ihre Urteile treffen sie weiterhin mit ihrer Psyche, gar nicht anders als ein Tier, dass einen anderen Grunzlaut von sich gibt, wenn ihm etwas gefällt als wenn es ihm nicht gefällt — und sie nennen ihre Grunzlaute „Gedanken“ und die unbewusste Tätigkeit, die sie zu dieser mechanischen Äußerung führt, „Denken“. Einige werden, wenn sie genug davon verstehen, sogar zu richtig überzeugenden Lügnern.

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